Durch ihre Unglaubhaftigkeit entzieht sich die Wahrheit dem Erkannt werden.

– Heraklit von Ephesos (um. 520 v. Chr.- ca. 460 v. Chr.)

Geheimlehre - Luziferische Doktrin

„Luzifer“ und New Age

Mit der Theosophischen Gesellschaft und dem Werk Die Geheimlehre wurde die luziferische Doktrin erstmals an die Öffentlichkeit getragen, denn viele „Eingeweihte“ glaubten damals, die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert werde ein „New Age“, ein weltweites neues Zeitalter, mit sich bringen. Was viele, die sich heute in der Esoterikszene bewegen, nicht wissen: Das „New Age“ wurde damals als ein Zeitalter des Triumphs der luziferischen Doktrin gesehen. Der biblische Gott werde überwunden werden, die durch die Paradiesgeschichte verteufelte Schlange („Satan“) werde rehabilitiert werden, und die Menschheit werde im Licht des Lichtbringers („Luzifer“) in eine neue Weltordnung von Toleranz und Frieden geführt werden.
1887 erschien die erste Zeitschrift der Theosophischen Gesellschaft (unter Helena Blavatsky), Name: Lucifer. 1903 begann Rudolf Steiner (der spätere Gründer der Anthroposophie), damals General-Sekretär der neu gegründeten deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, die Herausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls Luzifer hieß. Später wurde sie in Lucifer-Gnosis umbenannt. Die Arkan-Theosophin Alice Bailey gründete 1922 die „Lucifer Publishing Company“ zur Herausgabe ihrer Bücher (1924 in „Lucis Trust“ umbenannt). Bereits 1894 wurde in England von Logen-Mitgliedern eine Wochenzeitschrift mit dem Titel The New Age gegründet. Der Chefredaktor von 1907 bis 1922, A.R. Orage, war Theosoph. Einer der vielen bekannten Autoren, die in dieser Zeitschrift Artikel veröffentlichten, war H.G. Wells, der für seine Science—Fiction-Geschichten bekannt ist. Er veröffentlichte aber auch Sachbücher, darunter The Open Conspiracy (1928, wörtl. „Die offene Verschwörung“) und The New World Order (1940), in denen er sich für die Gründung einer Weltregierung und einer säkularen Welteinheitsreligion aussprach.
Zu den theosophischen New-Age-Ideen gehörte auch die Hoffnung auf das Erscheinen eines neuen Messias oder Weltenlehrers, des neuen „Christus“ oder des „Maitreya“, wie er im Buddhismus erwartet wird. Als diese Person nicht erschien, bemühte sich die ehemalige Blavatsky-Mitarbeiterin (und Freimaurerin) Annie Besant zusammen mit ihrem Theosophie-Verbündeten Charles Leadbeater‚ diesen Weltenlehrer zu finden, und sie glaubten, ihn im vierzehnjährigen Hindu-Jüngling Jiddu Krishnamurti (1895-1986) gefunden zu haben. Annie Besant adoptierte Jiddu, der 1910 dann eine theosophische „Einweihung“ bekam. Es folgten verschiedene Skandale und Konflikte innerhalb der Besant-Leadbeater-Bewegung. Krishnamurti stieg 1929 aus der ihm zugedachten Weltenlehrer-Rolle aus und hielt als Einzelkämpfer bis zu seinem Tod weltweit Vorträge über die individuelle Wahrheitssuche.
Angesichts der Luzifer-Lehren in den frühen theosophischesoterischen Strömungen ist es nicht verwunderlich, daß evangelikale Prediger verkünden, jegliche Esoterik und das gesamte New Age seien eine Initiative des Teufels. Daß sie selber einer Religion angehören, die über mehr als eintausend Jahre hinweg all ihre Gegner blutig verfolgt hat und dadurch erst die Entstehung dieser „anti-christlichen“ Strömungen provoziert hat, ignorieren sie gerne.
Wir sehen also: Es existieren Kirchen und antikirchliche Gruppierungen, die allesamt sehr einflußreich sind und sich gegenseitig bekämpfen. Jeder sagt, der Gott der anderen sei der „falsche“ — und beide haben recht! Denn beide vertreten eine Halbwahrheit und dienen (als Organisationen) nicht dem wirklichen, lebendigen Gott. Beide Seiten vertreten Weltbilder, mit denen sie alles, auch dunkelste Machenschaften, rechtfertigen können. Und beide meinen, sie hätten die einzige wirkliche Wahrheit. Es ist symptomatisch, daß Helena Blavatsky in ihrer theosophischen Geheimlehre (siehe Zitat auf S. 192) genauso den Begriff „der Einzige Gott“ verwendet wie ihre monotheistischen Gegner. Sie schreibt „einzig“ sogar groß und setzt es in Kursivschrift!
Es wäre jedoch verfehlt und zu einfach, wenn man pauschalisierend sagen würde, all diese Gruppierungen würden eine Luzifer- oder sogar eine Teufelsverehrung propagieren. Wie bereits erwähnt, sollten wir in Betracht ziehen, warum und aus welcher historischen Situation heraus diese Geheimbünde und Geheimlehren entstanden sind. Beide Gegner sind vom ganzheitlichen Mittelweg abgewichen, die eine Seite in Richtung Monotheismus, die andere in Richtung Atheismus. Beide sind das Ergebnis derselben Spaltung und spiegeln sich daher gegenseitig ihre dunklen Seiten.
Wir wollen hier also sachlich und ohne Vorurteile untersuchen, was die Aussage, Luzifer sei Gott, bedeutet. Warum kommt man zu einer solchen Ansicht? Wo liegen ihre Wahrheiten, und wo liegt der anfängliche Denkfehler? Zu welchen Extremen von Verblendung im Namen von Erleuchtung führt diese Ansicht, wenn man sie konsequent weiterdenkt?

Von der Geheimlehre zum öffentlichen Diskussionsthema

Daß Helena Blavatsky mit ihrer Geheimlehre u. a. aus Freimaurer-Quellen schöpfte, ist aus ihrer Biographie bekannt und ist auch ersichtlich anhand von dem, was sie schrieb. Denn ihre Aussage „Luzifer ist Gott“ war damals zwar für die Öffentlichkeit etwas Neues und vielleicht auch Schockierendes, aber entsprach — und entspricht — der zentralen Glaubensüberzeugung gewisser parafreimaurerischer Elitezirkel, wie in den letzten 150 Jahren durch zahlreiche weitere Aussagen und Dokumente bestätigt wurde.
Einer der bedeutendsten Freimaurer-Großmeister des 19. Jahrhunderts war Albert Pike (1809-1891), Heerführer im Sezessionskrieg, Jurist und praktizierender Okkultist.” Er ist Autor zahlreicher Schriften und Bücher, die zum Teil nur in internen Freimaurerkreisen veröffentlicht wurden, darunter Morals und Dogma (1871), eine voluminöse Insider-Instruktion für interessierte Hochgradfreimaurer. Darin schreibt er (S. 819): „Die blauen Grade stellen den Außenhof oder den Säulengang des Tempels dar. Ein Teil der Symbolik wird dort dem Eingeweihten gezeigt, aber er wird absichtlich durch falsche Interpretationen in die Irre gefiihrt. Es ist nicht beabsichtigt, daß er sie verstehen soll, sondern es ist beabsichtigt, daß er meinen soll, sie zu verstehen.“
Der Eingeweihte der unteren Grade wird also auf einen „Irrweg“ gesandt, was dieser Eingeweihte aber erst später merkt, wenn er den Weg weiter verfolgt. Tut er das nicht, meint er, er verstehe die Symbolik bereits vollständig. Worauf dieser Weg hinausläuft, sagt Albert Pike sehr deutlich (siehe Zitate im weiteren Verlauf dieses Kapitels): auf den Glauben an Luzifer als Gott und auf eine entsprechende Weltordnung.
Die luziferische Doktrin, die Albert Pike für die inneren Zirkel in praktischer Konsequenz ausformulierte, wurde 1888 — in abgeschwächter Form — durch seine Zeitgenossin Helena Blavatsky erstmals der Öffentlichkeit gegenüber erwähnt (im esoterischen Lehrbuch The Secret Doctrine). Dadurch sollte der Boden bereitet werden für die Akzeptanz dieser Doktrin auch außerhalb der relativ kleinen Geheimzirkel. Das Zielpublikum waren freidenkerische Menschen, die sich bereits von der Kirche getrennt hatten und offen waren für neue Weltbilder.
Die „Geheimlehre“, wie sie von Helena Blavatsky ausformuliert wurde, beinhaltete verschiedenste Elemente aus den alten okkulten Traditionen, die sie mit eigenen Spekulationen und den damals neuen Erkenntnissen und Thesen der Wissenschaft vermischte: archäologische Funde, darwinistische Ideen, Mythenforschung, vergleichende Religionswissenschaften, die indischen und tibetischen Schriften, parapsychologische und esoterische Lehren, usw. Dazu kamen Themen wie Atlantis und Lemurien, die zyklischen Zeitalter, die Wurzelrassen, die höherdimensionalen Welten, geheime (erfundene?) Texte und angebliche Kontakte mit unsichtbaren Meistern. All diese Themen, die in vielen Menschen das Interesse und auch die Phantasie aktivierten, wurden mit einem bestimmten philosophischen Weltbild verbunden: mit der für die moderne Esoterik typischen Kombination von atheistischem Monismus und gnostischem Deismus. Kern dieser Geheimlehre ist die luziferische Doktrin. Blavatsky sprach diese Doktrin zwar offen aus, aber sie blieb dennoch weitgehend ein Tabu. In späteren Studienausgaben des Buches Die Geheimlehre wurden die verfänglichen Stellen zu „Luzifer“ und „Satan“ sogar weggelassen.
Während des 20. Jahrhunderts kamen jedoch ständig neue Zitate und Dokumente ans Tageslicht, die direkt oder indirekt auf die luziferische Doktrin und die damit verbundenen Ziele hinwiesen. Der Öffentlichkeit gegenüber wurde in solchen Fällen immer behauptet, hier handle es sich um Fälschungen, Verleumdungen oder „Verschwörungstheorien“. Kenner der Materie wissen jedoch, daß diese scheinbar neuen Theorien nichts Neues sind. Sie sind eine moderne Weiterentwicklung der alten ophitischen und gnostischen Weltbilder. Eine nüchterne Analyse der luziferischen Doktrin ohne Tabu und ohne Vorurteile war deshalb fast unmöglich. Dazu fehlte in der Öffentlichkeit auch die erforderliche Hintergrundinformation — zumindest bis vor kurzem.
Mitte 2010 erschien im deutschen Sprachraum ein Buch mit dem Titel Krieg der Freimaurer — Ein Hochgradfreimaurer packt aus! Dies ist wahrscheinlich das erste Mal, daß ein Hochgradfreimaurer vor aller Öffentlichkeit über die luziferische Doktrin spricht. In einem ausführlichen Interview, das er dem Herausgeber dieses Buches, Jan van Helsing, gab, erklärt er, warum man in den höchsten Graden der Freimaurerei glaubt, Luzifer sei Gott, obwohl man auch glaubt, daß es noch einen anderen, höchsten Gott gibt. Er betont dabei, daß die luziferische Doktrin keine offizielle Lehre ist, die jedem Freimaurer ab einem gewissen Hochgrad als „Geheimlehre“ serviert werde; diese Doktrin sei die implizite Erkenntnis des deistischen Weltbildes, die aber jeder Freimaurer für sich selbst entdecken müsse; wer einfach routinemäßig die verschiedenen Einweihungsstufen durchlaufe, bekomme von dieser Geheimlehre und ihren praktischen Konsequenzen nur wenig bis gar nichts mit; über die letzten zweihundert und mehr Jahre seien aber zahlreiche Freimaurer, insbesondere auch die Baumeister der „neuen Weltordnung“, durch eigenes Forschen und gründliches Nachdenken zur Erkenntnis dieser einen „Wahrheit“ gekommen…
Was der (fast) anonyme Hochgradfreimaurer in dem über 300 Seiten langen Interview erläutert, ist also nicht bloß seine private Meinung. Wir sollten uns hier vor Augen halten, daß die alte ophitisch-gnostische Lehre spätestens im 19. Jahrhundert zu einem inhärenten Bestandteil der Geheimlehren gewisser Elitezirkel geworden ist und durch Personen wie Helena Blavatsky und Albert Pike bereits damals — direkt oder schrittweise — an die Öffentlichkeit weitergegeben wurde. Jetzt, über einhundert Jahre später, ist die angestrebte „neue Weltordnung“ so weit eingeführt, sagt der interviewte Hochgradfreimaurer, daß sie durch die Bekanntgabe dieser Doktrin nicht mehr gefährdet werde! Der Grund, warum er sich aus eigener Initiative entschloß, öffentlich über all diese Themen zu sprechen, geht bereits aus dem Buchtitel hervor: Krieg der Freimaurer. Diese etwas reißerische Formulierung bezieht sich auf Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen innerhalb der vielschichtigen Freimaurerbewegung.

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